Sonntag, 3. Juni 2018

Im Kino: Was werden die Leute sagen

Ein unfreiwillige Reise nach Pakistan. 

Dieses norwegisch-pakistanische Filmdrama von Iram Haq ist ziemlich harte Kost. Erzählt wird eine Geschichte, die man in diversen Variationen schon häufiger mal gehört hat – und zwar von Familien mit Migrationshintergrund, die zwar in Europa leben, aber nicht ansatzweise europäische Werte über die Selbstbestimmung des Individuums mental adaptieren konnten. Und ihre Kinder, die in Europa aufwuchsen, geraten dann in Konflikt mit erzkonservativen Haltungen ihrer Eltern. 

In diesem Fall ist es eine pakistanische Familie in einer norwegischen Stadt. Das Mädchen hat heimlich einen Freund, und als sich dieser nachts in die Wohnung der Familie schleicht, fliegt die Sache durch einen unglücklichen, aber andererseits auch vorhersehbaren Smartphone-Zwischenfall auf. Der normalerweise vernünftig wirkende Vater ertappt sie im Zimmer, rastet völlig aus, schlägt auf beide ein. 

Danach entsteht eine im pakistanischen Denken induzierte, jeder europäischen Rechtslage widersprechenden Dynamik, in der das Mädchen unter Gewaltandrohung nach Pakistan verfrachtet wird. Interessanterweise ist zuvor überhaupt nichts passiert, bestenfalls gab es einen Kuss und als das Mädchen später gefragt wird, ob sie den verdatterten Jungen heiraten will und sagt, es sei aus, flippt der Vater erst recht aus, weil er sie nun auch noch für eine Hure hält. 

In einer pakistanischen Großstadt bei der dortigen Großfamilie abgeliefert, wird das Mädchen natürlich den Kontaktmöglichkeiten nach Deutschland beraubt und ansonsten in das Leben einer pakistanischen Frau eingeführt. Es passiert dann Monate später ungefähr dasselbe, was auch in Norwegen passierte, das Mädchen wird beim Knutschen mit einem Jungen entdeckt, diesmal allerdings von der Sittenpolizei in einer dunklen Gasse. Das Pärchen wird brutal erniedrigt, zu Hause gegen Korruptionsgebühren abgeliefert. Der Ruf der Familie ist einstweilen ruiniert, und der Vater wird gebeten, das Mädchen wieder nach Norwegen zu holen. Auf dem Weg zum Flughafen fordert er sie auf einer Felsklippe auf, runterzuspringen bzw. ist versucht nachzuhelfen. 

Aber sie kommen dann doch in Norwegen an. Wieder in Norwegen setzt sich die strenge Überwachung fort und in einer Art Skype-Telefon-Konferenz wird das Mädchen alsbald mit einem pakistanischen Arzt in Kanada verheiratet. Doch sie ist stark, flieht und sagt der Familie adé. 

Manche Familien schaffen sich ihre eigenen Höllen. Ein guter Film! 

Das Mädchen (Maria Mozhdah) „bewältigt die darstellerische Tour de Force scheinbar mühelos, als hätte sie nie etwas anderes getan als zu schauspielern“, stellt epd-film hierzu fest. 

Kommentare:

  1. Hallo Lutz, der kommt auf meine Liste!
    Ja, das hört man immer wieder. Auch ich kenne eine junge Frau (Türkin), die hier in D aufgewachsen ist und sich aus der Umklammerung ihrer Familie (hauptsächlich Vater und Brüder) befreien musste, um ihren eigenen Weg gehen zu können. Sie hat es geschafft, aber das hat viele Jahre Angst und Tränen gekostet.
    Weil sie beim Auftauchen potentieller Ehemänner, mit denen sie verheiratet werden sollte, vorgetäuscht hat, geistig völlig beschränkt zu sein fand die Familie keinen Mann für sie. Zudem gab es eine deutsche Familie in der Nachbarschaft, von der sie immer wieder Hilfe bekam.
    Mittlerweile ist sie mit einem Deutschen verheiratet, den sie sich selber ausgesucht hat :-)
    Vor noch gar nicht allzulanger Zeit gab es solche Szenarien auch in Deutschland. Da wurden die Töchter ins Internat gesteckt, wenn sie sich mit dem "falschen" jungen Mann getroffen hat. Und wenn sie Schwanger wurde, kam sie zur Tante nach Bayern, wo heimlich das Kind zur Welt kam und gegen den Willen der jungen Mutter zur Adoption freigegeben wurde.
    Oder junge Frauen brachten sich um, wegen der Schande und weil sich die Familie abgewendet hat und sie nicht unterstützen wollte.
    Und dann gab es noch die Zeit nach dem Krieg, wo den Kindern aus Verbindungen mit ausländischen Soldaten und ihren Müttern das Leben zur Hölle gemacht wurde.
    Keine Ahnung was die Menschen zu so einem Verhalten treibt.
    Grüßli :-)

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  2. Keine Ahnung, aber der Filmtitel trifft da schon mal eine Aussage für einige Fallgestaltungen. Was ich niederschmetternd finde, ist, dass die Abschaffung von für uns Westlern mittelalterlich anmutenden "schlechten Traditionen" Jahrzehnte oder gar Jahrhunderte dauert und nicht einmal dann funktioniert, wenn die Leute schon seit Jahren in einer gänzlich anders gestrickten Gesellschaft leben. Ich bin mir aber bei der ganzen Thematik nicht so im Klaren darüber, ob nur extreme Auswüchse oder häufige Regelfälle beschrieben werden. Dieser Film tendiert wohl mehr in Richtung Extremfall.

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